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Quick Facts
Schweden galt lange als sehr digitalisiertes Bildungssystem, setzt inzwischen aber wieder stärker auf gedruckte Bücher, Handschrift, ruhige Lesezeiten und analoge Lernphasen.
Die schwedische Regierung spricht selbst von „mehr Lesezeit und weniger Bildschirmzeit“ und möchte wieder stärker nach dem Prinzip „ein Schulbuch pro Schüler*in und Fach“ arbeiten. (Government of Sweden)
Hintergrund sind unter anderem Sorgen um Lesekompetenz, Konzentration und grundlegende Fähigkeiten.
In der internationalen Lesestudie PIRLS sank Schwedens Wert bei Viertklässler*innen von 555 Punkten im Jahr 2016 auf 544 Punkte im Jahr 2021. (AP News)
Schweden schafft digitale Medien nicht komplett ab. Es geht eher um eine neue Balance: weniger Bildschirm als Standard, mehr Bücher, mehr Handschrift, mehr Tiefe.
Für die Grundschule finde ich genau diese Balance entscheidend: Technologie ja, aber nicht als Ersatz für Bücher, Hefte, Stifte und echtes Lernen mit Ruhe.
Wenn ausgerechnet Schweden wieder mehr Bücher will
Wenn ein Land wie Schweden im Klassenzimmer eine Bildschirmpause einlegt, wird man automatisch aufmerksam. Denn Schweden steht nicht gerade für Rückständigkeit. Im Gegenteil: Das Land gilt als technologisch fortschrittlich, digital gut aufgestellt und im Bildungsbereich lange als modern.
Umso spannender ist die Entwicklung der letzten Jahre: Viele Schulen in Schweden setzen wieder stärker auf traditionelle Lernformen. Kinder lesen mehr in gedruckten Büchern, schreiben wieder häufiger mit Stift und Papier und verbringen weniger Unterrichtszeit an Tablets, Laptops oder digitalen Lernplattformen. Die Associated Press berichtete schon 2023, dass schwedische Lehrkräfte wieder mehr Wert auf gedruckte Bücher, ruhige Lesezeit und Handschrift legen. (AP News)
Das klingt auf den ersten Blick fast wie ein Rückschritt. Aber vielleicht ist es genau das nicht.
Vielleicht zeigt Schweden gerade etwas, das auch für Schulen in Deutschland wichtig ist: Digitalisierung allein macht Unterricht nicht automatisch besser. Und analoges Lernen ist nicht altmodisch, nur weil es ohne Bildschirm stattfindet.
Gerade wenn man sich mit digitalen Medien in der Grundschule beschäftigt, merkt man schnell: Es geht nicht darum, ob digital oder analog grundsätzlich „besser“ ist. Es geht darum, welches Medium zu welchem Lernziel passt.
Was passiert gerade in Schweden?
In Schweden wurde digitale Bildung über Jahre stark ausgebaut. Tablets, Laptops und digitale Lernprogramme hielten früh Einzug in Klassenzimmer und teilweise sogar in Vorschulen. Gleichzeitig beschreibt die OECD Schweden weiterhin als eines der digital fortgeschrittenen Bildungssysteme mit sehr guter Ausstattung und hoher digitaler Verfügbarkeit an Schulen. (OECD)
Doch genau in diesem stark digitalisierten System mehrten sich Zweifel. Lehrkräfte, Fachleute und Politik stellten zunehmend die Frage, ob der starke Fokus auf digitale Geräte wirklich zu besserem Lernen führt. Besonders diskutiert wurden Lesekompetenz, Konzentration, Handschrift und grundlegende schulische Fähigkeiten.
Die schwedische Regierung spricht inzwischen ganz ausdrücklich von „mehr Lesezeit und weniger Bildschirmzeit“. In einem Regierungsbeitrag aus dem Februar 2024 heißt es, dass Schwedens Schüler*innen mehr Schulbücher brauchen und dass die Regierung langfristig auf das Prinzip „ein Schulbuch pro Schüler*in und Fach“ hinarbeitet. (Regeringskansliet)
Das ist schon eine starke Botschaft: Ein modernes Bildungssystem schaut nicht nur darauf, was technisch möglich ist, sondern auch darauf, was Kindern wirklich beim Lernen hilft. Und genau diese Frage finde ich auch für Deutschland wichtig. Denn nur weil eine Schule iPads, Smartboards oder digitale Plattformen hat, heißt das noch nicht automatisch, dass Unterricht dadurch besser wird. Das habe ich auch in meinem eigenen Schulalltag gemerkt.
Warum Schweden wieder stärker auf Bücher und Handschrift setzt
Bildschirme verändern, wie Kinder lernen.
Nicht jede digitale Nutzung führt automatisch zu mehr Verständnis, mehr Konzentration oder besserer Merkfähigkeit. Gerade bei Kindern in der Grundschule geht es um grundlegende Fähigkeiten: lesen, schreiben, verstehen, zuhören, sich konzentrieren, Gedanken sortieren, Fehler erkennen und Aufgaben zu Ende bringen. Diese Fähigkeiten entstehen nicht nebenbei. Sie brauchen Zeit, Wiederholung und echte Aufmerksamkeit.
Wenn Unterricht dauerhaft über Bildschirme läuft, kann das problematisch werden. Nicht, weil jeder Bildschirm schlecht ist. Sondern weil digitale Geräte oft mit vielen Reizen verbunden sind. Kinder klicken, wischen, wechseln, scrollen oder warten auf das nächste Signal. Genau das kann die Aufmerksamkeit zersplittern.
In der schwedischen Debatte geht es deshalb nicht nur um Technik, sondern um grundlegende Bildung: Lesen, Schreiben und Rechnen sollen in den frühen Klassen wieder stärker im Mittelpunkt stehen. Auf der Regierungsseite zu Bildung heißt es, die Fähigkeit zu lesen und zu verstehen sei die Grundlage für Lernen in allen Fächern; digitale Lernmittel sollten erst dann eingeführt werden, wenn sie das Lernen fördern und nicht behindern. (Regeringskansliet)

Lesen auf Papier kann tieferes Verstehen unterstützen
Gerade beim Lesen komplexerer Inhalte gibt es Hinweise darauf, dass gedruckte Texte Vorteile haben können. Natürlich ist Forschung nie ganz schwarz-weiß. Nicht jede Studie kommt zu exakt demselben Ergebnis. Aber viele Lehrkräfte erleben im Unterricht sehr deutlich: Ein gedruckter Text bringt oft mehr Ruhe in die Situation. Ein Buch oder ein Arbeitsblatt hat weniger Ablenkung. Kein Tab. Keine Benachrichtigung. Kein Wischen. Kein „Ich klicke mal eben weiter“. Kinder bleiben eher bei einer Sache.
Gerade in der Grundschule ist das nicht nebensächlich. Lesen lernen bedeutet nicht nur, Buchstaben zu entziffern. Es bedeutet, Sinn zu entnehmen, Sätze zu verstehen, Informationen zu verbinden und Ausdauer aufzubauen. Das sieht man besonders beim sinnentnehmenden Lesen in der Grundschule. Kinder müssen lernen, Informationen aus einem Text herauszufiltern, Zusammenhänge zu erkennen und eigene Schlussfolgerungen zu ziehen. Das braucht Ruhe. Und genau diese Ruhe entsteht oft leichter mit einem gedruckten Text als mit einem Bildschirm.
Auch Lesestrategien in der Grundschule funktionieren nicht automatisch besser, nur weil sie digital umgesetzt werden. Markieren, unterstreichen, Fragen stellen, Abschnitte gliedern oder wichtige Wörter einkreisen können Kinder sehr gut auf Papier üben. Manchmal sogar bewusster. Natürlich können digitale Medien beim Lesen unterstützen. Hörtexte, adaptive Übungen oder digitale Wörterbücher können hilfreich sein. Aber sie sollten das Lesen in echten Büchern nicht vollständig ersetzen.
Handschrift ist mehr als schöne Schrift
Ein weiterer Punkt ist die Handschrift. Oft wird sie heute schnell als nebensächlich betrachtet. Hauptsache, Kinder können später tippen, oder? Ganz so einfach ist es nicht. Wenn Kinder mit der Hand schreiben, passiert mehr als nur Bewegung. Sie müssen Formen planen, Buchstaben erinnern, Stiftführung kontrollieren, Wörter strukturieren und Inhalte gleichzeitig verarbeiten. Schreiben mit der Hand ist langsam. Aber genau dieses Langsame kann beim Lernen helfen.
Ich kenne das auch von mir selbst. Ich arbeite sehr viel am Laptop, gerade für meine Website, Eduki, Materialerstellung und Organisation. Trotzdem habe ich meine Notizen im Referendariat fast immer handschriftlich auf meinem Collegeblock gemacht. Nicht, weil ich Technik ablehne. Sondern weil ich gemerkt habe: Wenn ich etwas mit der Hand notiere, bin ich anders dabei. Ich sortiere mehr. Ich denke mehr mit. Ich schreibe nicht einfach nur mit, sondern verarbeite.
Gerade im Referendariat war das für mich wichtig. Zwischen Unterrichtsbesuchen, Seminaren, Reflexionen und Gesprächen musste ich viele Gedanken sortieren. Mein Collegeblock war dabei nicht einfach nur Papier. Er war mein Ort zum Denken. Und genau das ist im Unterricht so wichtig: Kinder sollen nicht nur Informationen aufnehmen. Sie sollen sie verarbeiten.
Deshalb finde ich es gerade in der Grundschule problematisch, wenn Schreiben mit der Hand zu früh oder zu stark durch Tippen ersetzt wird. Natürlich sollen Kinder irgendwann auch digitale Schreibwerkzeuge kennenlernen. Aber bevor ein Kind Texte überarbeitet, formatiert oder digital präsentiert, braucht es erstmal Sicherheit im Schreiben selbst.
Das gilt auch für Bereiche wie Wortbausteine und Rechtschreibstrategien in der Grundschule. Verlängern, Ableiten, Silben schwingen, Wortbausteine erkennen oder Merkwörter sammeln funktioniert oft besonders gut, wenn Kinder aktiv schreiben, markieren, sortieren und über Sprache nachdenken.
Bildschirme sind nicht grundsätzlich schlecht
Digitalisierung ist nicht automatisch schlecht. Und analoger Unterricht ist nicht automatisch gut.
Ich finde es wichtig, hier nicht in dieses typische Schwarz-Weiß-Denken zu fallen. Ein Smartboard kann unglaublich hilfreich sein. iPads können Unterricht bereichern. Digitale Tools können differenzieren, visualisieren, wiederholen, motivieren und Kindern Zugänge ermöglichen, die analog manchmal schwieriger wären.
Ich nutze selbst digitale Medien und KI aktiv, zum Beispiel zur Differenzierung im Unterricht. Besonders bei Lesematerial, Textvereinfachung oder dreifacher Differenzierung kann KI mir mehrere Stunden Arbeit sparen. In meinem Artikel zur KI-Differenzierung in der Grundschule beschreibe ich genau diesen Punkt: KI kann entlasten und richtig hilfreich sein, wenn man sie bewusst einsetzt.
Aber für mich beginnt guter Unterricht nie mit dem Tool. Er beginnt mit dem Lernziel, der Lerngruppe und meinen pädagogischen Entscheidungen. Erst danach kommt die Frage: Hilft mir hier ein digitales Medium wirklich weiter? Und genau das ist für mich der entscheidende Unterschied. Nicht: „Wir nutzen iPads, weil wir iPads haben.“ Sondern: „Wir nutzen iPads, wenn sie dem Lernen dienen.“
Auch digitale Apps und Plattformen können für die Grundschule sinnvoll sein. Aber wie ich auch bei digitalen Apps, Plattformen und Tools für die Grundschule finde: Sie sollten immer Werkzeug bleiben und nicht zum Mittelpunkt des Unterrichts werden.
Die eigentliche Frage lautet: Was brauchen Kinder in der Grundschule?
Gerade in der Grundschule brauchen Kinder Basiserfahrungen.
Sie müssen Bücher anfassen, Seiten umblättern, Buchstaben schreiben, Zahlen notieren, Fehler durchstreichen, Wörter sortieren, Bilder betrachten, mit Material handeln, miteinander sprechen und längere Zeit bei einer Aufgabe bleiben. Natürlich sollen Kinder auch Medienkompetenz entwickeln. Aber Medienkompetenz bedeutet nicht, möglichst früh möglichst lange vor einem Bildschirm zu sitzen.
Der Medienkompetenzrahmen NRW beschreibt als Ziel, Kinder und Jugendliche zu einem sicheren, kreativen und verantwortungsvollen Umgang mit Medien zu befähigen. Die sechs Kompetenzbereiche sind Bedienen und Anwenden, Informieren und Recherchieren, Kommunizieren und Kooperieren, Produzieren und Präsentieren, Analysieren und Reflektieren sowie Problemlösen und Modellieren. (Medienkompetenzrahmen NRW)
Für mich heißt das: Medienkompetenz ist wichtig. Aber sie ersetzt keine Lesekompetenz. Sie ersetzt keine Schreibkompetenz. Sie ersetzt keine Konzentrationsfähigkeit. Ein Kind, das ein Tablet bedienen kann, kann deshalb noch lange nicht sinnerfassend lesen. Ein Kind, das eine App öffnet, kann deshalb noch nicht automatisch Informationen bewerten. Ein Kind, das schnell wischt, kann deshalb noch nicht tief denken.
Gerade bei Themen wie Fake News kindgerecht erklären wird deutlich: Medienkompetenz bedeutet nicht nur Technik bedienen. Es geht darum, Informationen zu prüfen, Quellen zu hinterfragen, Sprache zu verstehen und kritisch zu denken. Dafür brauchen Kinder grundlegende Lese- und Denkfähigkeiten.
Deutschland hat ein zusätzliches Problem: große Unterschiede
Was ich in Deutschland besonders stark merke: Digitalisierung ist extrem ungleich.
Es gibt nicht „die eine Schule“. Es gibt Schulen mit guter Ausstattung, stabiler Internetverbindung, Smartboards, iPads und einem durchdachten Medienkonzept. Und es gibt Schulen, bei denen schon WLAN, Kalibrierung, Stifte, Logins oder Geräteverwaltung zur täglichen Herausforderung werden.
An meiner Schule gab es für Klasse 3 und 4 eigene iPads, für Klasse 1 und 2 iPads zum Ausleihen. Smartboards kamen neu dazu, WLAN wurde neu eingeführt, und mein Mentor im Referendariat war Digitalisierungsbeauftragter. Das klingt erst einmal gut, aber auch dort wurde deutlich: Technik allein löst keine Unterrichtsprobleme. Sie schafft manchmal sogar neue.
Dazu kommt: Auch die Kinder starten sehr unterschiedlich. Manche Kinder haben zu Hause bereits eine sehr hohe Bildschirmzeit. Andere haben kaum Zugang zu digitalen Geräten. Manche Familien begleiten digitale Nutzung bewusst. Andere sind selbst überfordert. Und dann sitzen alle Kinder gemeinsam in einer Klasse.
Deshalb finde ich es gerade in der Grundschule so wichtig, dass Schule nicht einfach noch mehr Bildschirmzeit obendrauf legt, sondern bewusst abwägt.
Das Thema erinnert mich auch an Social Media im Lehrerberuf. Digitale Räume können inspirieren, verbinden und unterstützen. Gleichzeitig können sie Druck machen, vergleichen und überfordern. Auch dort ist Balance entscheidend.
Auch Lehrkräfte brauchen Balance
Ein Punkt, der oft vergessen wird: Digitalisierung hängt nicht nur an Geräten. Sie hängt auch an Menschen.
Ich merke deutlich, dass viele jüngere Lehrkräfte digitale Tools selbstverständlich nutzen. Gleichzeitig gibt es in der älteren Generation von Lehrkräften häufig Unsicherheit oder auch Ablehnung gegenüber neuen Technologien. Das ist nicht immer böse gemeint. Manchmal fehlt Zeit. Manchmal fehlen Fortbildungen. Manchmal fehlt Vertrauen. Manchmal wurde Technik einfach schlecht eingeführt.
Und ehrlich: Auch ich verstehe, wenn Lehrkräfte genervt sind, wenn etwas im Unterricht nicht funktioniert. Ein Arbeitsblatt funktioniert meistens sofort. Ein Buch braucht kein Update. Ein Collegeblock stürzt nicht ab. Ein Stift verlangt kein Passwort. Das heißt nicht, dass wir bei Papier stehen bleiben sollten. Aber es zeigt: Digitalisierung muss zuverlässig, sinnvoll und pädagogisch begründet sein. Sonst wird sie schnell zur Belastung.
Gerade im Referendariat fand ich es belastend, wenn ich mich in jeder Stunde zusätzlich noch darauf verlassen musste, dass jedes digitale Tool problemlos läuft. Schon die Vorbereitung auf den ersten Unterrichtsbesuch ist anspruchsvoll genug. Deshalb finde ich auch bei der Frage Wie bereite ich mich auf den ersten Unterrichtsbesuch vor? wichtig: Digitale Medien können eine Stunde bereichern, aber sie sollten nie der einzige tragende Pfeiler sein.

Was wir von Schweden lernen können
Schweden zeigt gerade nicht, dass digitale Bildung gescheitert ist. Das wäre zu einfach. Schweden zeigt eher, dass ein digital-first-Ansatz kritisch hinterfragt werden muss. Besonders dann, wenn Kinder grundlegende Kompetenzen noch aufbauen. Vielleicht müssen wir weg von der Frage: „Wie digital ist deine Schule?“ Und hin zu besseren Fragen:
Wann hilft ein digitales Tool wirklich beim Lernen?
Wann lenkt es eher ab?
Wann brauchen Kinder ein Buch?
Wann brauchen sie Stift und Papier?
Wann brauchen sie Bewegung, Gespräch, Anschauungsmaterial oder Ruhe?
Wann ist ein Bildschirm ein Werkzeug und wann nur ein weiterer Reiz?
Für mich liegt genau darin die Zukunft des Lernens: nicht in noch mehr Technologie um jeden Preis, sondern in einem besseren Gleichgewicht. Das passt auch zu meinem Verständnis von Growth Mindset in der Grundschule. Lernen braucht Entwicklung, Fehler, Rückmeldung und Zeit. Nicht alles muss schnell gehen. Nicht alles muss sofort digital ausgewertet werden. Manchmal ist der wichtigste Lernmoment genau der, in dem ein Kind noch einmal nachdenkt, radiert, verbessert und merkt: Ich kann wachsen.
Fokus wird zur Superkraft
Ich glaube, dass Fokus in den nächsten Jahren immer wichtiger wird. Kinder wachsen in einer Welt auf, in der ständig etwas blinkt, wischt, ploppt oder weiterläuft. Aufmerksamkeit wird immer stärker umkämpft. Gerade deshalb ist Schule ein Ort, an dem Kinder lernen sollten, bei einer Sache zu bleiben.
Ein Buch lesen.
Einen Satz schreiben.
Einen Gedanken zu Ende denken.
Ein Problem langsam lösen.
Eine Aufgabe überarbeiten.
Einen Fehler erkennen.
Noch einmal anfangen.
Das klingt unspektakulär. Aber vielleicht ist genau das heute besonders wertvoll. Und vielleicht ist das auch ein Grund, warum analoge Lernphasen wieder wichtiger werden. Sie sind nicht automatisch besser. Aber sie schaffen oft eine andere Art von Aufmerksamkeit. Eine langsamere. Eine ruhigere. Eine tiefere.
Meine Haltung: Technologie ja, aber nicht als Ersatz für alles
Ich bin nicht gegen Digitalisierung. Ganz im Gegenteil. Ich arbeite viel am Laptop. Ich nutze digitale Tools. Ich sehe große Chancen in KI, besonders für Differenzierung, Entlastung und Materialerstellung. Smartboards können Unterricht bereichern. iPads können sinnvoll eingesetzt werden. Und Kinder brauchen Medienkompetenz, keine Frage.
Auch bei meiner eigenen Materialerstellung nutze ich digitale Werkzeuge sehr viel. In meinem Artikel zur Materialerstellung mit Canva beschreibe ich, wie hilfreich digitale Programme sein können, um Unterrichtsmaterial effizient und ansprechend zu gestalten. Aber ich finde auch ganz klar: Digitale Medien sollten in der Grundschule keine Bücher und Schreibhefte ersetzen. Nicht vollständig. Nicht dauerhaft. Nicht als Standardlösung.
Gerade junge Kinder brauchen echte Bücher, Papier, Stifte, Hefte, Tafelbilder, Gespräche, Bewegung und konkrete Materialien. Sie brauchen nicht nur digitale Reize, sondern auch analoge Tiefe. Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft aus Schweden: Modern ist nicht, alles zu digitalisieren. Modern ist, bewusst zu entscheiden, was Kindern wirklich beim Lernen hilft.
Was bedeutet das für den Unterricht in Deutschland?
Für Schulen in Deutschland könnte die Entwicklung in Schweden ein guter Anlass sein, das eigene Medienkonzept ehrlich zu prüfen. Nicht mit Panik. Nicht mit Technikfeindlichkeit. Sondern mit pädagogischem Blick. Eine sinnvolle Balance könnte zum Beispiel so aussehen:
| Lernbereich | Digital sinnvoll? | Analog besonders wichtig? |
|---|---|---|
| Lesen lernen | ergänzend, z. B. Hörtexte oder adaptive Übungen | gedruckte Bücher, Vorlesen, Lesestrategien, ruhige Lesezeit |
| Schreiben lernen | punktuell, z. B. Texte überarbeiten | Handschrift, Heftführung, Stiftkontrolle, Rechtschreibstrategien |
| Präsentieren | ja, z. B. Fotos, Tonaufnahmen, kleine Präsentationen | Plakate, Gespräch, gemeinsames Erklären |
| Differenzierung | sehr hilfreich, z. B. mit KI oder digitalen Übungen | Material zum Anfassen, individuelle Unterstützung |
| Medienkompetenz | unbedingt notwendig | Reflexion, Gespräch, Regeln, kritisches Denken |
Der Punkt ist nicht, digitale Medien aus dem Klassenzimmer zu verbannen. Der Punkt ist, sie nicht mit gutem Unterricht zu verwechseln. Besonders in der Grundschule sollte man sich immer fragen: Dient das Medium wirklich dem Lernziel? Oder ist es nur digital, weil digital gerade modern wirkt?
Eure Caro
Instagram – Für ehrliche Einblicke in Grundschule, Digitalisierung, Referendariat und den ganz normalen Weg dazwischen.
FAQ
Verzichten Schulen in Schweden komplett auf digitale Medien?
Nein. Schweden schafft digitale Medien nicht vollständig ab. Es geht eher darum, den starken Fokus auf Bildschirme zu reduzieren und wieder mehr Raum für Bücher, Handschrift und lehrkraftgeleiteten Unterricht zu schaffen. Besonders bei jüngeren Kindern wird digitale Nutzung kritischer gesehen. (AP News)
Warum setzt Schweden wieder stärker auf Bücher?
Ein Grund sind Sorgen um Lesekompetenz, Konzentration und grundlegende schulische Fähigkeiten. Die schwedische Regierung investiert wieder stärker in Schulbücher und spricht selbst von mehr Lesezeit und weniger Bildschirmzeit. (Government of Sweden)
Ist Lesen auf Papier besser als Lesen am Bildschirm?
Das lässt sich nicht pauschal für jede Situation sagen. Bei kurzen Informationen kann digitales Lesen gut funktionieren. Bei längeren oder komplexeren Texten kann gedrucktes Lesen aber Vorteile haben, weil es oft weniger Ablenkung gibt und Kinder stärker bei einer Sache bleiben.
Sind Tablets in der Grundschule schlecht?
Nein, Tablets sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie können Unterricht bereichern, Differenzierung erleichtern und Medienkompetenz fördern. Problematisch wird es, wenn sie Bücher, Hefte, Handschrift, Gespräch und konzentriertes Arbeiten dauerhaft ersetzen.
Passt weniger Bildschirmzeit überhaupt zum Medienkompetenzrahmen NRW?
Ja. Medienkompetenz bedeutet nicht, dass Kinder möglichst viel Bildschirmzeit haben sollen. Es geht darum, Medien sicher, kreativ, kritisch und verantwortungsvoll zu nutzen. Dazu gehört auch, digitale Medien bewusst einzusetzen und ihre Grenzen zu kennen. (Medienkompetenzrahmen NRW)
Was können Grundschulen aus Schweden lernen?
Grundschulen können daraus lernen, digitale Medien bewusster einzusetzen. Nicht jedes Arbeitsblatt muss digital werden. Nicht jede Lesezeit braucht ein Tablet. Und nicht jede moderne Schule ist automatisch die mit der meisten Technik. Entscheidend ist, ob Kinder wirklich besser lernen.







