Sinnentnehmendes Lesen in der Grundschule

Sinnentnehmendes Lesen in der Grundschule

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Der Schlüssel zu erfolgreichem Lernen und Weltverstehen

„Wer lesen kann, ist klar im Vorteil.“ Dieser Satz mag wie eine einfache Weisheit klingen, doch er trifft den Kern einer der größten Herausforderungen im heutigen Bildungssystem. In der Grundschule wird der Grundstein für die gesamte schulische und berufliche Laufbahn gelegt. Dabei ist das Lesen die Kulturtechnik, auf der fast alle anderen Kompetenzen aufbauen. Doch Lehrkräfte und Eltern beobachten zunehmend ein Phänomen: Kinder können Texte zwar flüssig vorlesen, wissen am Ende des Absatzes aber nicht, wovon er handelte. Hier beginnt die Unterscheidung zwischen dem rein technischen Leseprozess und dem sogenannten „sinnentnehmenden Lesen“.

In einer Zeit, in der Informationen in Sekundenschnelle verfügbar sind, reicht es nicht mehr aus, Buchstaben aneinanderzureihen. Die Fähigkeit, Inhalte zu filtern, zu verstehen, zu bewerten und zwischen den Zeilen zu lesen, ist unabdingbar geworden. Dieser Artikel beleuchtet, was sinnentnehmendes Lesen bedeutet, warum es sogar die Basis für Fächer wie Mathematik ist, welche Hürden Kinder überwinden müssen und mit welchen konkreten Strategien wir diese Kompetenz fördern können.

Vom Dekodieren zum Verstehen: Was ist sinnentnehmendes Lesen?

Um die Bedeutung des sinnentnehmenden Lesens zu erfassen, muss man zunächst verstehen, wie der Leseprozess im Gehirn eines Grundschulkindes abläuft. Zu Beginn der Schulzeit steht das „technische Lesen“ im Vordergrund. Dies ist der Prozess des Dekodierens: Das Kind übersetzt grafische Zeichen (Grapheme) in Laute (Phoneme) und verbindet diese zu Wörtern. In dieser Phase bindet die Technik fast die gesamte kognitive Kapazität des Kindes.

Sinnentnehmendes Lesen hingegen beschreibt die nächste Stufe: die Fähigkeit, über das reine Entziffern hinaus den Inhalt eines Textes zu erfassen, Zusammenhänge herzustellen und Informationen aktiv zu verarbeiten. Es ist ein konstruktiver Akt. Der Lesende baut sich im Kopf ein Modell dessen, was der Text aussagt. Dabei unterscheidet man oft zwischen lokalen Kohärenzen (Verbindungen zwischen aufeinanderfolgenden Sätzen verstehen) und globalen Kohärenzen (den roten Faden und die Gesamtaussage des Textes erfassen).

Der Unterschied zum rein technischen Lesen lässt sich gut mit einem Erwachsenen vergleichen, der einen Text in einer Sprache vorliest, deren Ausspracheregeln er kennt, deren Vokabeln er aber nicht versteht. Er kann den Text zwar fehlerfrei vortragen, hat aber keinerlei Informationsgewinn. Genau dieses Phänomen tritt bei vielen Grundschülern auf, wenn der Fokus zu lange nur auf der Lesegeschwindigkeit oder der Fehlerfreiheit beim Vorlesen liegt, ohne dass parallel das Textverständnis abgefragt wird.

Warum Textverständnis die Basis für alle Schulfächer ist

Oft wird Lesekompetenz fälschlicherweise als eine reine Angelegenheit des Deutschunterrichts betrachtet. Das ist ein fataler Trugschluss. Das sinnentnehmende Lesen ist eine basale Querschnittskompetenz und somit fachübergreifend. Sobald Kinder die ersten Klassenstufen verlassen, erfolgt der Wissenserwerb in fast allen Fächern – sei es Sachunterricht, Geschichte, Religion oder Ethik – primär über Texte. Wer einen Sachtext über den Wasserkreislauf nicht versteht, kann das biologische Phänomen nicht begreifen, unabhängig von seiner Intelligenz.

Besonders dramatisch wirkt sich fehlendes Leseverständnis im Fach Mathematik aus. Textaufgaben stellen für viele Kinder eine unüberwindbare Hürde dar, nicht weil sie nicht rechnen können, sondern weil sie die Aufgabenstellung nicht „entschlüsseln“ können. Um eine Sachaufgabe zu lösen, muss das Kind:

  • 1. Den Text lesen und die irrelevanten von den relevanten Informationen trennen.

  • 2. Die sprachlichen Informationen in mathematische Operationen übersetzen.

  • 3. Das Ergebnis wieder in einen sprachlichen Antwortsatz rückübersetzen.

Fehlt die Fähigkeit zum sinnentnehmenden Lesen, scheitern Kinder an der Mathematik, obwohl ihre rechnerischen Fähigkeiten völlig ausreichend wären. Darüber hinaus fördert das verstehende Lesen in erzählenden Texten die Empathiefähigkeit (das Hineinversetzen in Charaktere) und die Vorstellungskraft, was für die gesamte Persönlichkeitsentwicklung entscheidend ist.

Typische Schwierigkeiten und ihre Ursachen

Warum fällt es so vielen Kindern schwer, den Sinn eines Textes zu erfassen? Die IGLU-Studien (Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung) zeigen regelmäßig auf, dass ein signifikanter Teil der Viertklässler in Deutschland nicht über ausreichende Lesekompetenzen verfügt. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und oft miteinander verknüpft.

Ein Hauptproblem ist die mangelnde Leseflüssigkeit. Wenn ein Kind noch mühsam buchstabiert oder stockend liest, ist sein Arbeitsgedächtnis vollständig mit dem Dekodieren beschäftigt. Bis das Kind am Ende des Satzes angekommen ist, hat es den Anfang bereits wieder vergessen. Automatisierung ist also die Voraussetzung für Verständnis.

Ein weiterer Faktor sind sprachliche Defizite und ein geringer Wortschatz. Texte in der Schule verwenden oft eine sogenannte Bildungssprache, die sich von der Alltagssprache unterscheidet. Kinder, die zu Hause wenig mit Büchern in Kontakt kommen oder Deutsch als Zweitsprache (DaZ) lernen, fehlen oft schlichtweg die Begrifflichkeiten, um den Textinhalt zu konstruieren. Wenn in einem Text fünf Schlüsselwörter unbekannt sind, bricht das Verständnis zusammen.

Zudem fehlt es oft an Weltwissen. Um einen Text über „Ritterburgen“ zu verstehen, muss ein Kind eine grobe Vorstellung davon haben, was eine Burg, ein Ritter oder das Mittelalter ist. Lesen ist immer ein Abgleich zwischen neuer Information und vorhandenem Wissen. Fehlt das Vorwissen, läuft der Text ins Leere.

Nicht zuletzt spielen Konzentrationsprobleme eine Rolle. Das sinnentnehmende Lesen ist kognitiv anstrengend. Kinder, die es gewohnt sind, durch schnelle, visuelle Reize (Videos, Spiele) unterhalten zu werden, empfinden das langsame Erarbeiten eines Textes oft als mühsam und verlieren schnell den „roten Faden“.

Konkrete Lesestrategien für den Unterricht

Die gute Nachricht ist: Sinnentnehmendes Lesen ist trainierbar. Es reicht jedoch nicht, Kinder einfach nur „viel lesen“ zu lassen. Sie benötigen Werkzeuge – sogenannte Lesestrategien –, um Texte zu knacken. Im modernen Deutschunterricht haben sich hierbei Verfahren etabliert, die den Leseprozess in drei Phasen unterteilen: vor, während und nach dem Lesen.

Eine der effektivsten Methoden ist das Markieren von Schlüsselwörtern. Kinder lernen hierbei, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Dies klingt banal, ist aber ein komplexer kognitiver Prozess. Oft markieren Kinder zu Beginn ganze Sätze. Durch gezieltes Training lernen sie, nur die tragenden Informationen (Wer? Was? Wann? Wo?) hervorzuheben.

Die Arbeit mit W-Fragen ist ein weiterer Klassiker, der unverzichtbar bleibt. Fragen an den Text zu stellen, zwingt das Gehirn dazu, die Informationen aktiv zu suchen und zu prüfen.

Besonders hilfreich für längere Texte ist die Strategie des abschnittsweisen Zusammenfassens. Kinder lesen einen Absatz und müssen in eigenen Worten (oder mit einer Überschrift am Rand) formulieren, worum es ging. Dies verhindert das „leere Lesen“, bei dem die Augen zwar über die Zeilen wandern, der Kopf aber abschaltet.

Auch das Klären unbekannter Wörter muss strategisch geübt werden. Kinder neigen dazu, unverstandene Begriffe zu überlesen. Strategien wie „aus dem Kontext erschließen“ oder „im Wörterbuch/Glossar nachschlagen“ müssen aktiv vermittelt werden, damit Lücken im Verständnis geschlossen werden können.

Methoden und Tools: Von Lesetandems bis zu digitalen Apps

Neben den kognitiven Strategien gibt es methodische Arrangements, die besonders leseschwachen Kindern helfen. Ein wissenschaftlich sehr gut belegtes Verfahren sind die Lesetandems (auch Lautlesetandems genannt). Hierbei arbeiten ein lesestarkes Kind (Trainer) und ein leseschwächeres Kind (Sportler) zusammen. Sie lesen einen Text halblaut im Chor. Der „Sportler“ gibt das Tempo vor, der „Trainer“ zieht mit und korrigiert sanft bei Fehlern. Durch das gemeinsame Lesen fühlt sich das schwächere Kind sicher, die Leseflüssigkeit erhöht sich, und Kapazitäten für das Verständnis werden frei.

Im digitalen Zeitalter bieten zudem Apps und Online-Tools große Chancen. Programme wie „Antolin“ motivieren Kinder, Bücher zu lesen und anschließend Quizfragen dazu zu beantworten. Dies überprüft spielerisch das sinnentnehmende Lesen. Andere Apps bieten interaktive Geschichten, bei denen das Kind Entscheidungen treffen muss, die auf dem Verständnis des Textes basieren. Für Kinder mit Förderbedarf gibt es Software, die Texte silbenweise einfärbt oder vorliest, um das Mitlesen zu erleichtern. Der spielerische Charakter digitaler Medien kann hier oft die Hemmschwelle senken, die gedruckte Bücher manchmal aufbauen.

Sinnentnehmendes Lesen in der Grundschule

Eltern als Lesevorbilder: Förderung zu Hause

Die Schule kann viel leisten, doch ohne das Elternhaus ist die Förderung des sinnentnehmenden Lesens oft ein Kampf gegen Windmühlen. Eltern fragen sich oft: „Wie kann ich helfen, ohne Druck auszuüben?“

Das Wichtigste ist, eine positive Lesekultur zu schaffen. Kinder ahmen nach. Wenn Eltern selbst nie lesen, wird es schwer, dem Kind zu vermitteln, dass Lesen wertvoll ist.

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass das Vorlesen aufhören sollte, sobald das Kind selbst lesen kann. Das Gegenteil ist der Fall: Beim Vorlesen komplexerer Geschichten (die das Kind selbst noch nicht lesen könnte) erweitern Eltern den Wortschatz und das Weltwissen des Kindes. Zudem bietet das Vorlesen Anlass für Gespräche: „Warum hat die Hauptfigur das wohl getan?“ oder „Wie würdest du dich fühlen?“. Solche Gespräche trainieren das Textverständnis auf mündlicher Ebene – eine perfekte Vorbereitung für das stille Lesen.

Spielerische Ansätze im Alltag sind oft wirkungsvoller als stures Üben. Ein Rezept gemeinsam lesen und kochen, eine Spielanleitung verstehen müssen, um das neue Brettspiel zu spielen, oder kleine Schatzsuchen mit Hinweiszetteln in der Wohnung – all das ist pures sinnentnehmendes Lesen, verpackt in Spaß und Handlung.

Der „Matthäus-Effekt“: Motivation und Lesepraxis

In der Leseforschung spricht man oft vom „Matthäus-Effekt“: Wer hat, dem wird gegeben. Auf das Lesen übertragen bedeutet das: Kinder, die gut lesen, lesen gerne und viel. Dadurch werden sie noch besser, erweitern ihren Wortschatz und ihr Wissen. Kinder, die schlecht lesen, empfinden es als Qual, vermeiden es und fallen dadurch immer weiter zurück. Diese Schere öffnet sich im Laufe der Grundschulzeit immer weiter.

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist die Lesemotivation der entscheidende Hebel. Es ist fast egal, was das Kind liest – Comics, Sachbücher über Dinosaurier, Pferdezeitschriften oder Witzehefte. Hauptsache, es liest. Die Textsortenvielfalt ist hierbei ein Schlüssel. Nicht jedes Kind mag Romane. Ein spannender Comic oder ein interessanter Sachtext mit vielen Bildern kann für leseschwache Kinder der Einstieg sein, da die Bilder den Textinhalt stützen und Erfolgserlebnisse beim Verstehen ermöglichen.

Regelmäßige Lesepraxis etabliert Routinen. Zehn Minuten tägliches Lesen sind effektiver als eine Stunde einmal pro Woche. Wenn Kinder merken, dass sie durch das Lesen Informationen erhalten, die für sie persönlich interessant sind (z. B. Cheats für ein Videospiel oder Fakten über ihr Lieblingstier), entsteht eine intrinsische Motivation, die der beste Motor für den Erwerb von Lesekompetenz ist.

Fazit: Ein Fundament für die Zukunft

Sinnentnehmendes Lesen ist weit mehr als eine schulische Pflichtübung. Es ist das Fundament für selbstständiges Lernen, kritische Meinungsbildung und gesellschaftliche Teilhabe. Die Herausforderungen in der Grundschule sind groß, da die Voraussetzungen der Kinder immer heterogener werden. Doch durch eine gezielte Kombination aus technischem Training (Automatisierung), dem Vermitteln von Lesestrategien, dem Einsatz motivierender Methoden wie Lesetandems und einer unterstützenden Umgebung zu Hause, kann jedes Kind Fortschritte machen.

Das Ziel ist klar: Kinder sollen Lesen nicht als mühsames Entziffern empfinden, sondern als Werkzeug, um die Welt zu entdecken. Wer versteht, was er liest, dem stehen alle Türen offen – von der Lösung der Matheaufgabe bis hin zum Verständnis komplexer globaler Zusammenhänge. Es ist eine Investition, die sich ein Leben lang auszahlt.

Hi! Ich bin Caro, Lehrerin und reise mit meinem Partner in unserem T4 Bulli einmal um die Welt. Hier erfährst du mehr über mich. Ich freue mich, dass du da bist! 

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