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Upcycling im Kunstunterricht

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Wenn aus Müll Kunst wird

Kunstunterricht bedeutet für mich weit mehr als das bloße Hantieren mit Pinsel, Papier und Wasserfarben. Er ist ein Raum für Experimente, für Wahrnehmung und für den Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. In einer Zeit, in der Themen wie Umweltschutz, Ressourcenschonung und Klimawandel allgegenwärtig sind, bietet der Kunstunterricht zudem die wunderbare Möglichkeit, Kindern nicht nur kreative Techniken beizubringen, sondern auch Werte zu vermitteln. Hier knüpfen wir an die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) an. Eine der spannendsten, vielseitigsten und pädagogisch wertvollsten Methoden, um diese Brücke zu schlagen, ist das Upcycling.

Aus alten, scheinbar nutzlosen Dingen entstehen neue Kunstwerke voller Fantasie und Bedeutung. Das funktioniert schon wunderbar in der Grundschule und holt die Kinder direkt in ihrer Lebenswelt ab. Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff, wie grenzt er sich vom Recycling ab und wie lässt sich das Konzept organisatorisch und methodisch sinnvoll in den Schulalltag integrieren? In diesem Artikel tauchen wir tief in die Materie ein, von der pädagogischen Begründung bis hin zu konkreten Projektideen wie Robotern aus Elektroschrott oder Meereswesen aus Plastikmüll. Meine Devise dabei lautet stets: Aus Alt mach Kunst!

Was ist Upcycling überhaupt? Eine Abgrenzung zum Recycling

Bevor wir in die Praxis starten, ist es wichtig, die Begrifflichkeiten zu klären – auch für die Schüler*innen. Oft werden Recycling und Upcycling in einen Topf geworfen, doch im Kunstunterricht ist der Unterschied entscheidend. Beim klassischen Recycling geht es um einen industriellen Prozess: Materialien (wie Glas, Papier oder PET-Flaschen) werden gesammelt, eingeschmolzen oder zerkleinert, also in ihre Grundstoffe zerlegt, um daraus Rohmaterial für neue Produkte zu gewinnen. Der ursprüngliche Gegenstand verliert dabei seine Form und Identität.

Beim Upcycling hingegen steht die Aufwertung (das „Up“) im Vordergrund. Der Gegenstand wird nicht vernichtet, sondern in seiner Form meist erhalten oder nur teilweise dekonstruiert, um ihm einen neuen Zweck oder eine neue ästhetische Bedeutung zu geben. Ein Milchkarton wird nicht zu Papierbrei, sondern zur Laterne; eine alte Jeans wird nicht zu Dämmstoff geschreddert, sondern zur Tasche genäht. Im Kontext des Kunstunterrichts bedeutet das: Wir nutzen den „Abfall“ als Gestaltungsmaterial. Durch kreative Eingriffe – Bemalen, Kleben, Schneiden, Montieren – wird das Material aus dem Kreislauf des Wegwerfens gerettet und erfährt eine Wertsteigerung. Es wird zum Unikat.

Warum Upcycling ein zentraler Baustein für BNE ist

Die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) fordert Schulen auf, Kinder zu zukunftsfähigem Denken und Handeln zu befähigen. Upcycling ist hierfür ein Paradebeispiel, da es Nachhaltigkeit nicht theoretisch abstrakt, sondern praktisch begreifbar macht.

Ressourcenbewusstsein schaffen: Kinder erleben hautnah, dass „Müll“ nicht immer Endstation bedeutet. Wenn sie sehen, dass ein Joghurtbecher, der normalerweise achtlos im Gelben Sack landet, plötzlich Teil einer Skulptur wird, verändert sich ihr Blick auf die Dinge. Sie lernen, das Potenzial in Materialien zu erkennen, anstatt sie vorschnell als wertlos abzutun.

Konsumkritik ohne Zeigefinger: Anstatt nur über Müllvermeidung zu reden, handeln die Kinder. Sie erfahren Selbstwirksamkeit: „Ich kann aus Vorhandenem etwas Neues schaffen, anstatt etwas Neues zu kaufen.“ Diese Haltung fördert die Wertschätzung gegenüber materiellen Gütern und regt zum Nachdenken über das eigene Konsumverhalten an.

Kreativität durch Limitierung: Wie „Müll“ die Fantasie anregt

Ein weißes Blatt Papier kann einschüchternd wirken (das berühmte „Horror Vacui“ – die Angst vor der Leere). Upcycling-Materialien hingegen bringen bereits Eigenschaften mit: eine Form, eine Farbe, eine Textur oder einen Aufdruck. Diese Vorgaben fordern die Kreativität auf ganz andere Weise heraus als klassische Bastelmaterialien.

Upcycling erfordert ungewöhnliches Denken, Kombinieren und Problemlösen. Ein Kind, das einen Roboter aus Elektroschrott baut, muss überlegen: „Dieser alte Stecker sieht aus wie eine Nase, und die Kabel könnten Haare sein.“ Diese Assoziationsfähigkeit ist der Kern künstlerischen Denkens. Die Kinder müssen technische Lösungen finden (Wie klebe ich Plastik auf Metall?) und ästhetische Entscheidungen treffen, die vom Material diktiert werden. Das fördert die Problemlösekompetenz und das divergente Denken massiv.

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Materialbeschaffung und Organisation im Schulalltag

Ein praktischer Vorteil des Upcyclings ist die Kosteneffizienz. Während teure Acrylfarben oder spezielles Tonpapier das Budget belasten, sind Upcycling-Materialien meist kostenlos. Dennoch erfordert die Arbeit mit „Müll“ eine gute Logistik, damit das Klassenzimmer nicht zur Müllhalde wird.

Was sollte gesammelt werden?

Nicht jeder Abfall eignet sich. Hier ist eine Liste mit bewährten Materialien, die sauber und sicher zu verarbeiten sind:

  • Verpackungen: Eierkartons, saubere Joghurtbecher, Milch- oder Saftkartons (Tetra Paks), Schuhkartons, Klopapierrollen (Klassiker!).

  • Verschlüsse: Kronkorken, Plastikdeckel von Flaschen (toll für Mosaike), Korken.

  • Papier & Pappe: Alte Zeitschriften (für Collagen), Zeitungen, Pappen, alte Landkarten oder Kalenderblätter.

  • Haushaltswaren: Stoffreste, Wollreste, Knöpfe, alte CDs/DVDs, Marmeladengläser.

  • Naturmaterial: In Kombination mit Müll oft sehr reizvoll (Stöcke, Steine).

  • Elektroschrott: Alte Tastaturen, Kabel, Platinen (Achtung: Nur ungefährliche Teile, keine Batterien oder Bildschirme!).

Tipps für die Vorbereitung und Lagerung

Die Sammelwoche: Starte gezielte Aufrufe. Anstatt dauerhaft alles zu sammeln, rufe z.B. eine „Woche der Plastikdeckel“ aus. Elternbriefe helfen hierbei. Wichtig ist der Hinweis: Alle Materialien müssen sauber und trocken sein!

Der Materialtisch: Richte im Kunstraum oder im Klassenzimmer einen „Material-Buffet“ ein. Sortiert nach Materialart (Plastik, Pappe, Metall) oder Farben, wirkt der „Müll“ sofort wie kostbares Arbeitsmaterial. Das ästhetische Arrangement vor Unterrichtsbeginn ist entscheidend für die Wertschätzung durch die Schüler.

Sicherheit: Prüfe Materialien auf scharfe Kanten (z.B. bei Dosen). Stelle geeignetes Werkzeug bereit (gute Scheren, ggf. Prickelnadeln, Heißklebepistolen unter Aufsicht).

Konkrete Projektideen für die Grundschule

Hier sind fünf erprobte Projekte, die zeigen, wie vielfältig Upcycling sein kann:

1. Meerestiere aus Plastikmüll
  • Materialien: Plastikdeckel, Netze (von Obst), leere Shampooflaschen, Verpackungsmaterial, Heißkleber.

  • Idee: Die Verschmutzung der Ozeane ist ein wichtiges Thema. Kinder gestalten aus dem Müll, der sonst im Meer landen könnte, farbenfrohe Fische, Quallen oder Fantasiewesen.

  • Technik: Die Formen der Flaschen geben oft den Körper vor. Deckel werden zu Schuppen oder Augen.

  • Lerneffekt: Sensibilisierung für Plastikmüll und Naturschutz.

2. Mini-Welten im Karton (Dioramen)
  • Materialien: Schuhkartons, Stoffreste, Knöpfe, Pappe, Magazine.

  • Idee: Jeder Schuhkarton wird zur Bühne. Die Kinder gestalten ihren „Traumraum“, eine Unterwasserwelt oder eine Szene aus einem Lieblingsbuch.

  • Technik: Räumliches Gestalten, Kulissenbau.

  • Tipp: Die Kartons lassen sich wunderbar stapeln und als „Hochhaus“ gemeinsam ausstellen.

3. Lichtobjekte aus alten Gläsern
  • Materialien: Leere Marmeladengläser, Transparentpapierreste, Kleister, Draht, alte Perlen.

  • Idee: Laternen für St. Martin oder stimmungsvolle Windlichter für die Winterzeit.

  • Technik: Die Gläser werden mit Transparentpapier beklebt (Kleistertechnik). Der Draht dient als Aufhängung und kann mit Perlen verziert werden.

  • Effekt: Das Licht bricht sich wunderschön im Glas und den Papierschichten.

4. Roboter aus Elektroschrott
  • Materialien: Alte Tastaturen, Mauskabel, Platinen, kleine Kartons, Dosen, Silberfarbe.

  • Idee: Was passiert mit kaputten Geräten? Wir bauen Roboter der Zukunft!

  • Technik: Montage (Heißkleber ist hier oft notwendig). Sprüht man die Elemente vorher oder nachher teilweise silber oder gold an, entsteht ein einheitlicher, technischer Look.

  • Diskussion: Was ist Elektromüll? Warum darf der nicht in die normale Tonne?

5. Masken aus Eierkartons
  • Materialien: Eierverpackungen (die Spitzen sind tolle Nasen!), Pappe, Wollreste, Federn, Farbe.

  • Idee: Maskenbau hat eine lange kulturelle Tradition. Die strukturierte Form von Eierkartons lädt dazu ein, Gesichter zu entdecken.

  • Technik: Schneiden, Kleben, Bemalen. Die raue Oberfläche nimmt Wasserfarbe oder Tempera sehr gut an.

  • Abschluss: Eine kleine Theatervorführung oder ein Foto-Shooting mit den Masken.

Fächerübergreifende Anknüpfungspunkte

Upcycling sollte nicht im Kunstraum isoliert bleiben. Es bietet hervorragende Schnittstellen zu anderen Fächern:

Sachunterricht: Hier ist der logische Partner. Themen wie Mülltrennung, Recyclingkreisläufe, Rohstoffe und Umweltschutz (Klimawandel) liefern das theoretische Fundament für die praktische Arbeit im Kunstunterricht.

Deutsch: Nutze die entstandenen Objekte als Schreibanlässe. Die Kinder können Steckbriefe für ihre Müll-Monster schreiben oder Geschichten erfinden, in denen der Roboter die Hauptrolle spielt. Ein wunderbares Buch, um in das Thema einzusteigen, ist „Muddelkuddel“ (Werbung), in dem es genau um das kreative Umdeuten von Gegenständen geht. Auch Bilderbücher eignen sich gut.

Musik: Bauen von Instrumenten. Regenmacher aus langen Pappröhren (gefüllt mit Reis und Nägeln) oder Trommeln aus Konservendosen.

Pädagogische Impulse & Reflexion

Damit das Projekt nachhaltig wirkt, sind Gespräche begleitend zur Praxis essenziell. Stelle Fragen, die zum Nachdenken anregen:

Was bedeutet „Nachhaltigkeit“ für dich?
Welche Dinge landen bei dir zu Hause im Müll – und was könnte man daraus noch machen?
Wie fühlt sich das Material an? Ist Plastik immer glatt? Ist Pappe immer rau?
Wie können wir die Umwelt schützen – auch in der Schule?

Diese Reflexionsphasen werten das „Basteln“ zu einem echten Bildungserlebnis auf. Dokumentieret die Ergebnisse! Eine „Upcycling-Galerie“ im Schulflur zeigt der ganzen Schulgemeinschaft: Müll ist wertvoll, wenn man ihn mit Kreativität betrachtet.

Fazit: Einladung zum Perspektivwechsel

Upcycling im Kunstunterricht ist weit mehr als eine Notlösung für knappe Budgets oder bloßes Basteln mit Müll. Es ist eine Einladung an die Kinder, die Welt mit neuen Augen zu sehen – kreativer, achtsamer und bewusster. Sie lernen, dass sie Gestalter ihrer Umwelt sind und dass auch im Unscheinbaren oder Ausrangierten Schönheit und Nutzen stecken können. Wenn ein Kind stolz seinen Roboter aus alten Dosen präsentiert, hat es nicht nur künstlerische Techniken gelernt, sondern auch eine wichtige Lektion für das Leben: Wir können Dinge verändern und verbessern. Und das ist vielleicht der erste und wichtigste Schritt zu einem nachhaltigeren Umgang mit unserer Erde.

Hi! Ich bin Caro, Lehrerin und reise mit meinem Partner in unserem T4 Bulli einmal um die Welt. Hier erfährst du mehr über mich. Ich freue mich, dass du da bist! 

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