Eine grobe Orientierung am Beispiel NRW
Der Start ins Referendariat ist für viele angehende Lehrkräfte ein Sprung ins kalte Wasser. Neben der neuen Rolle im Klassenzimmer, den administrativen Aufgaben und den Seminaren schwirrt vor allem eine Frage immer wieder durch die Köpfe der Anwärter: „Wie oft werde ich eigentlich besucht?“ Die Angst vor der Bewertung ist präsent, und die Unsicherheit über die genauen Anforderungen macht es nicht besser. Die UBs sind die zentralen Meilensteine deiner praktischen Ausbildung. Sie dienen der Überprüfung, aber vor allem deiner Entwicklung. Doch eine pauschale Antwort auf die Frage nach der Anzahl gibt es nicht – sie ist ein klassischer Fall von „Es kommt darauf an“. In diesem Artikel schlüsseln wir auf, wovon die Anzahl abhängt, wie es beispielsweise im Bezirk Arnsberg (NRW) geregelt ist und warum du diese Besuche eher als Chance denn als Schikane sehen solltest.
Föderalismus pur: Warum es keine Einheitliche Zahl gibt
Bildung ist in Deutschland Ländersache. Das bedeutet, dass jedes Bundesland seine eigene Ausbildungs- und Prüfungsordnung (OVP) hat. Was in Bayern gilt, muss in Nordrhein-Westfalen noch lange nicht richtig sein. Und selbst innerhalb eines Bundeslandes kann es Unterschiede geben, je nachdem, welcher Bezirksregierung dein Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung (ZfsL) untergeordnet ist.
Die genaue Anzahl deiner Unterrichtsbesuche hängt also primär von deinem ZfsL und dementsprechend deiner Bezirksregierung ab. Während manche Seminare eine sehr engmaschige Betreuung mit vielen Besuchen vorsehen, setzen andere auf weniger, dafür aber intensivere Beratungsanlässe. Es ist daher essenziell, dass du dich direkt zu Beginn deiner Ausbildung in den Einführungsveranstaltungen deines Seminars genau informierst oder in der für dich gültigen Ausbildungsordnung nachliest. Verlasse dich niemals nur auf Aussagen von Freunden, die ihr Referendariat in einem anderen Bundesland absolvieren.
Ein konkretes Beispiel aus meiner Praxis in NRW (Arnsberg)
Um das Ganze greifbarer zu machen, schauen wir uns ein spezifisches Szenario an, das für viele Referendare in Nordrhein-Westfalen, speziell im Regierungsbezirk Arnsberg, Realität ist. Hier ist die Struktur sehr klar geregelt.
In meinem ZfsL absolvierst du insgesamt 10 Unterrichtsbesuche im Verlauf deines Vorbereitungsdienstes, bevor du zur abschließenden unterrichtspraktischen Prüfung (UPP), dem zweiten Staatsexamen, antrittst. Diese Zahl ist nicht willkürlich, sondern soll eine gleichmäßige Ausbildung in beiden Fächern gewährleisten.
Die Aufteilung sieht hier meistens wie folgt aus:
Du hast zwei Ausbildungsfächer (z. B. Mathematik/Deutsch und Kunst). Die 10 Besuche werden in der Regel paritätisch aufgeteilt. Das bedeutet, du hast 5 Unterrichtsbesuche pro Fach. Bei mir waren es dann 3 in Mathe, 2 in Deutsch und 5 in Kunst. Dies gibt dir die Möglichkeit, in beiden Fächern eine Entwicklung zu zeigen, verschiedene Klassenstufen auszuprobieren und unterschiedliche methodische Ansätze zu verfeinern.

Organisation und Timing: Wann finden die Besuche statt?
Die 10 Unterrichtsbesuche verteilen sich über den gesamten Zeitraum deiner Ausbildung (in NRW derzeit 18 Monate). Ein entscheidender Punkt hierbei ist deine Eigenverantwortung. In den meisten Fällen bekommst du keine festen Termine diktiert. Stattdessen sprichst du die Termine für die UBs mit deinen Ausbildungslehrern (Mentoren) an der Schule und deinen Fachleitern (Seminarleitungen) ab. Normalerweise kannst du mit einem UB pro Monat rechnen (aufgrund der Ferien und Feiertage).
Dies erfordert ein gewisses Maß an strategischer Planung. Es empfiehlt sich, die Besuche nicht zu lange aufzuschieben. Ein „Stau“ an Unterrichtsbesuchen kurz vor der Prüfungsphase erzeugt unnötigen Stress. Eine gleichmäßige Verteilung hilft dir, das Feedback aus einem Besuch zu verarbeiten und in den nächsten Besuch im anderen Fach einfließen zu lassen. Zudem solltest du darauf achten, dass die Termine in Phasen liegen, in denen du Themen unterrichtest, bei denen du dich sicher fühlst oder die sich methodisch gut für eine Vorführstunde eignen.
Warum tun wir uns das an? Die Bedeutung der UBs für dein Examen
Es ist leicht, die Unterrichtsbesuche als reine Stressfaktoren zu sehen, bei denen man „geprüft“ wird. Doch diese Sichtweise verschenkt Potenzial. Die Unterrichtsbesuche haben eine extrem große Bedeutung für dein zweites Staatsexamen – und das im positiven Sinne.
Betrachte die UBs als Generalproben. Die abschließende unterrichtspraktische Prüfung (UPP) ist im Grunde nichts anderes als zwei weitere Unterrichtsbesuche an einem einzigen Tag, nur dass dann eine fremde Prüfungskommission dabei sitzt. Der Aufbau der Stunde, der schriftliche Entwurf, die Reflexion im Anschluss – all das läuft in der UPP fast identisch ab wie in deinen 10 vorausgegangenen Besuchen.
Wer die 10 Besuche nutzt, um Routine zu entwickeln, ist im Examen klar im Vorteil. Du lernst, wie man einen Entwurf schreibt, der den formalen Kriterien genügt. Du lernst, wie du dein Zeitmanagement in der Stunde optimierst und wie du auf unvorhergesehene Störungen reagierst. Wenn der Tag der UPP kommt, ist der Ablauf für dich keine Unbekannte mehr, sondern eingeübte Praxis. Außerdem wird eine deiner Seminarleitungen mit in deine UPP kommen - also nutze die Chance der UB´s um sie in den Nachbesprechungen kennenzulernen und besser einschätzen zu können.
Die "Sandbox"-Mentalität: Fehler sind erlaubt
Ein weiterer, oft unterschätzter Aspekt der Unterrichtsbesuche ist die Möglichkeit zum Experimentieren. Natürlich möchte man immer eine „glatte Eins“ zeigen. Aber die UBs sind auch Lerngelegenheiten. Es ist der geschützte Raum, in dem du Methoden ausprobieren kannst, bevor es „ernst“ wird.
Willst du ein komplexes Gruppenpuzzle wagen? Möchtest du digitale Medien auf eine neue Weise einbinden? Nutze einen der mittleren Unterrichtsbesuche dafür. Wenn etwas schiefgeht, ist das kein Beinbruch. Im Gegenteil: In der anschließenden Reflexion mit deinen Fachleitern kannst du zeigen, dass du analysieren kannst, warum es nicht geklappt hat und was du beim nächsten Mal besser machen würdest. Diese Reflexionsfähigkeit wird oft höher bewertet als eine Stunde, die „zufällig“ glattlief, bei der der Referendar aber nicht weiß, warum.
Nutze die UBs also als Chance, dich gemeinsam mit den Kindern zu verbessern und deinen eigenen Lehrerstil zu finden.
Fazit: Struktur gibt Sicherheit
Die Frage „Wie viele Unterrichtsbesuche habe ich?“ lässt sich also am besten mit dem Blick in die lokale Ausbildungsordnung beantworten. Im Beispiel Arnsberg sind es 10 Stück – 5 pro Fach. Auch wenn diese Zahl zunächst hoch wirken mag, ist sie dein Sicherheitsnetz. Jeder Besuch ist ein Training. Jeder Besuch ist ein Schritt weg vom Anfängerstatus hin zum professionellen Lehrer. Anstatt die Besuche zu fürchten, plane sie klug, bereite sie sorgfältig vor und nutze das Feedback deiner Ausbilder, um perfekt vorbereitet in dein Staatsexamen zu gehen.


