Tipps für einen gelassenen Start ins Referendariat.
Der erste Unterrichtsbesuch (UB) im Referendariat ist ein Meilenstein, der oft von feuchten Händen und vielen offenen Fragen begleitet wird. Es ist völlig normal, dass du aufgeregt bist. Schließlich stehst du zum ersten Mal in dieser offiziellen Situation: Hinten im Raum sitzen die neue Seminarleitung und eventuell sogar die Schulleitung, vorne die Kinder, und dazwischen du – in deiner neuen Rolle als Lehrkraft. Doch so einschüchternd dieses Szenario zunächst wirken mag, es bietet eine der wichtigsten Chancen deiner Ausbildung.
Viele Referendar*innen machen sich im Vorfeld verrückt wegen des perfekten didaktischen Feuerwerks. Sie planen stundenlang an komplexen Methoden und Materialien. Dabei liegt der Schlüssel für einen gelungenen ersten Besuch oft ganz woanders. In diesem Artikel erfährst du, warum deine Lehrerpersönlichkeit gerade am Anfang viel wichtiger ist als der perfekte Methodenwechsel, wie du mit einer dir noch fremden Lerngruppe umgehst und wie du authentisch bleibst, ohne deine Autorität zu verlieren. Atme tief durch – wir gehen die Vorbereitung gemeinsam Schritt für Schritt durch.

Fokus: Warum deine Persönlichkeit wichtiger ist als die Methode
Vielleicht hast du im Seminar schon gehört, wie wichtig die didaktisch-methodische Planung ist. Das stimmt natürlich grundsätzlich, aber für den allerersten Unterrichtsbesuch gelten oft etwas andere Gesetze. Seminarleiter wissen ganz genau, in welcher Situation du dich befindest. Du bist neu an der Schule, du kennst die Abläufe oft noch nicht im Detail und hast vielleicht noch keine tiefe Beziehung zur Klasse aufgebaut.
Deshalb achten die Ausbilder beim ersten Besuch primär auf eines: Dich. Deine Lehrerpersönlichkeit steht im Vordergrund. Sie wollen sehen, wie du im Raum wirkst. Trittst du sicher auf? Sprichst du freundlich, aber bestimmt? Bist du den Kindern zugewandt? Es geht darum zu zeigen, dass du dich in der Rolle der Lehrkraft wohlfühlst und diese Rolle ausfüllen kannst.
Wenn dein Zeitmanagement beim ersten Mal nicht perfekt hinhaut oder eine Methode doch etwas hakelig läuft, ist das meist verzeihlich. Viel wichtiger ist, wie du darauf reagierst. Wirkst du gestresst und fahrig? Oder bleibst du ruhig, lächelst die Kinder an und moderierst die Situation souverän? Die Seminarleitung möchte sehen, dass die Kinder dich als Autoritätsperson wahrnehmen, aber gleichzeitig spüren, dass du ihnen auf Augenhöhe begegnest. Konzentriere dich also bei der Vorbereitung darauf, wie du mit den Kindern kommunizierst, anstatt dich in methodischen Details zu verlieren.
Authentizität vs. Autorität: Ein Balanceakt
Ein häufiges Missverständnis zu Beginn des Referendariats ist der Glaube, man müsse eine "Rolle" spielen, um als Autorität wahrgenommen zu werden. Manche versuchen, besonders streng zu sein, andere wollen der "Kumpel-Typ" sein. Beides wirkt oft aufgesetzt und wird von Lernenden – die dafür sehr feine Antennen haben – schnell entlarvt. Wichtig ist: Sei authentisch.
Authentisch zu sein bedeutet jedoch nicht, dass du alles durchgehen lässt. Es bedeutet, dass dein Verhalten zu deinen Werten und deiner Art passt. Du kannst freundlich und zugewandt sein und dennoch klare Grenzen setzen. Autorität entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Klarheit und Konsequenz.
Gerade im ersten Besuch testen Klassen manchmal unbewusst aus, wie weit sie gehen können. Hier ist es entscheidend, nicht zu allem "Ja und Amen" zu sagen, nur weil Besuch hinten drin sitzt. Wenn ein Kind stört, weise freundlich, aber bestimmt auf die Regeln hin. Wenn eine Arbeitsphase zu laut wird, unterbrich sie ruhig und fordere den vereinbarten Lärmpegel ein. Seminarleiter wollen sehen, dass du die Führung übernimmst ("Classroom Management"). Wenn etwas nicht klappt, sprich offen und ehrlich mit den Schülern darüber. Ein Satz wie: "Ich merke, wir sind heute alle etwas aufgeregt, lasst uns kurz alle tief durchatmen und dann leise weitermachen", zeugt von mehr pädagogischem Gespür als das Ignorieren von Unruhe.

Vorbereitung auf eine fremde Lerngruppe
Es ist der Klassiker beim ersten UB: Du sollst zeigen, wie gut du unterrichtest, kennst aber die Klasse kaum. Du weißt nicht, wer der "Klassenclown" ist, wer besondere Förderung braucht oder welche Dynamiken in der Gruppe herrschen. Das ist eine Herausforderung, aber sie ist völlig normal und jedem Prüfer bekannt.
Wie bereitest du dich also auf diese "Black Box" vor? Kommunikation ist hier dein wichtigstes Werkzeug. Sprich intensiv mit deinem Mentor oder deiner Mentorin (meist die Klassenleitung). Frage nicht nur nach dem Stoff, sondern explizit nach den "Soft Skills" der Klasse:
Welche Rituale sind etabliert? Gibt es ein Begrüßungslied? Wie wird der Stundenbeginn gestaltet?
Welche Signale kennt die Klasse? Nutzen sie ein "Leisezeichen" (z.B. Hand heben, Klangschale)? Wird Musik gespielt, wenn von der Sitz- in die Arbeitsphase gewechselt wird?
Welche Regeln gelten? Wie gehen die Kinder zur Toilette? Wie melden sie sich?
Wenn du diese Rituale übernimmst, gibst du den Kindern Sicherheit. Sie wissen, was von ihnen erwartet wird, auch wenn du eine neue Lehrkraft bist. Gleichzeitig erleichtert es dir die Klassenführung enorm, wenn du auf etablierte Signale (wie das Leisezeichen) zurückgreifen kannst, anstatt gegen den Lärm anzureden. Das zeigt der Seminarleitung zudem, dass du dich mit den Gegebenheiten der Klasse auseinandergesetzt hast.
Mein organisatorischer Tipp: Der Spickzettel ist erlaubt!
In der Aufregung kann es schnell passieren: Du stehst vorne, willst die Arbeitsphase einleiten und plötzlich ist der Faden weg. "Was wollte ich jetzt nochmal sagen? Wie lange sollte die Phase dauern?" Solche Blackouts sind menschlich. Um Panik zu vermeiden, ist ein kleiner organisatorischer Kniff absolut Gold wert – und völlig legitim.
Bereite dir einen kleinen Zettel oder eine Karteikarte vor, die du auf das Pult legst. Darauf notierst du stichpunktartig den geplanten Ablauf mit den ungefähren Zeitangaben. Wenn du dich verhaspelst, kannst du einfach einen Blick darauf werfen. Das wirkt nicht unvorbereitet, sondern strukturiert. Selbst in großen Prüfungen wie der UPP (Unterrichtspraktische Prüfung) ist so etwas erlaubt und fair. Es gibt dir Sicherheit und sorgt dafür, dass du den Kopf frei hast für die Interaktion mit den Kindern.
Ein weiterer organisatorischer Tipp: Bereite Materialien so vor, dass sie griffbereit sind. Nichts erzeugt mehr Unruhe als eine Lehrkraft, die minutenlang nach Arbeitsblättern sucht oder mit der Technik kämpft. Lege alles bereit, teste den Beamer vorher und habe im besten Fall einen Plan B, falls die Technik streikt.
Umgang mit der Aufregung: Ein Perspektivwechsel
"Tief durchatmen" klingt wie ein Klischee, ist aber der erste Schritt. Mache dir bewusst: Du stehst unter Beobachtung, ja. Es ist neuer Raum, neue Mentoren, neue Seminarleitung. Es wäre seltsam, wenn du nicht aufgeregt wärst. Akzeptiere die Nervosität als Teil des Prozesses.
Ein entscheidender Fehler, den viele Referendare (leider oft bis zum Ende) machen, ist die Sichtweise auf die Unterrichtsbesuche. Versuche, sie nicht als Prüfung zu sehen, bei der du "bestrafst" wirst, wenn etwas schiefläuft. Sieh sie als Coaching. Die Besuche dienen als Hilfe für deine spätere Lehrprobe.
Ich habe leider erst recht spät in meiner Ausbildung bemerkt, dass die Besuche wirklich dazu da sind, mich besser zu machen. Wenn du konstruktives Feedback bekommst – auch kritisches – dann nimm es an. Freue dich darüber, dass dir jemand von außen sagt, an welchen Stellschrauben du drehen kannst. Baue dieses Feedback direkt in den nächsten UB ein. Das zeigt Lernfähigkeit und Reflexionskompetenz – zwei Eigenschaften, die Seminarleiter lieben. Wenn du mit dieser Haltung in den Besuch gehst ("Ich zeige was ich kann, und lerne, was ich noch besser machen kann"), nimmt das enorm viel Druck von deinen Schultern.
Typische Fehler beim ersten Unterrichtsbesuch (und wie du sie vermeidest)
Damit dein erster Besuch so reibungslos wie möglich verläuft, hier eine Zusammenstellung meiner typischen Stolpersteine, die du leicht umgehen kannst:
1. Das Methoden-Feuerwerk:
Viele Neulinge wollen im ersten Besuch alles zeigen, was sie im Studium gelernt haben: Gruppenpuzzle, Stationenlernen und digitale Medien in 45 Minuten.
Vermeidung: Weniger ist mehr. Eine klare, einfache Struktur (Einstieg, Erarbeitung, Sicherung) mit einer passenden Methode ist viel effektiver als ein überladener Zirkus, der alle überfordert.
2. Den Plan stur durchziehen:
Du hast geplant, dass die Diskussion 10 Minuten dauert. Nach 5 Minuten sind die Kinder fertig oder haben eine ganz andere, spannende Frage. Du ignorierst das und ziehst dein Programm durch.
Vermeidung: Sei flexibel (situative Flexibilität). Wenn ein Kind eine tolle Idee hat, greife sie auf, auch wenn es nicht im Skript steht. Das zeigt, dass du mit den Kindern arbeitest und nicht nur deinen Plan abarbeitest.
3. Verteidigungshaltung in der Reflexion:
Nach der Stunde gibt es häufig Kritik. Viele Referendare fangen sofort an, sich zu rechtfertigen ("Ja, aber das Kind ist immer so…", "Das wollte ich eigentlich anders machen…").
Vermeidung: Höre zu. Nimm Kritik nicht persönlich, sondern professionell. Frage nach: "Wie hätten Sie die Situation gelöst?" Das wirkt souverän und lernwillig.
4. Die Kinder "totreden":
Aus Unsicherheit neigen viele dazu, vorne viel zu viel zu erklären und zu reden.
Vermeidung: Halte deine Anweisungen kurz und knackig. Lasse die Kinder arbeiten. Je höher der Sprechanteil der Lernenden (und je niedriger deiner), desto besser ist oft die Stunde bewertet.
Der erste Unterrichtsbesuch ist der Sprung ins kalte Wasser, aber du wirst schwimmen. Konzentriere dich auf deine Beziehung zu den Kindern, bleib du selbst und sieh den Tag als Chance zu lernen. Du schaffst das!


